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"ALICJA KWADE – LINIENLAND"

"ALICJA KWADE – LINIENLAND"

10.02.2018 Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv, Zürich, bis am 6. Mai 2018


Bild: Alicja Kwade · LinienLand, 2018, Installationsansicht, Courtesy die Künstlerin, KÖNIG GALERIE, 303 GALLERY, kamel mennour © Museum Haus Konstruktiv / Stefan Altenburger

Das Museum Haus Konstruktiv startet sein Jahresprogramm mit einer umfangreichen Einzelausstellung von Alicja Kwade (*1979 in Kattowitz, Polen, lebt in Berlin). Die viel beachtete Bildhauerin und Konzeptkünstlerin ist eine Relativistin, die skeptisch unsere vermeintliche Realität hinterfragt.

Von diesem Ansatz ausgehend, befasst sich Kwade in ihrem multimedialen Schaffen mit unterschiedlichsten Phänomenen und Denkmodellen aus Physik, Philosophie und Soziologie und übersetzt sie in ihre eigene Kunst. Dabei entstehen ebenso sinnlich-poetische wie formal stringente Arbeiten mit konzeptuellem Hintergrund.

Für die aktuelle Ausstellung hat die Künstlerin eine neue, raumgreifende Installation konzipiert: eine begehbare Gitterstruktur, in der massive Natursteinkugeln unterschiedlicher Grösse scheinbar schwerelos schweben.

"LinienLand" lautet der Ausstellungstitel im Museum Haus Konstruktiv, womit Alicja Kwade auf die 1884 von Edwin Abbott verfasste Novelle "Flatland. A Romance of Many Dimensions" verweist. Darin schildert ein Quadrat sein Leben im Flächenland und berichtet über seine Ausflüge ins Linien- und Raumland. Die Schrift wird noch heute als mathematischer Essay über die vierte Dimension rezipiert.

"LinienLand" nennt Kwade auch ihre neuste Arbeit, die eigens für das Erdgeschoss im Museum Haus Konstruktiv entstanden ist: eine begehbare, dreidimensionale Gitterstruktur, in der massive Natursteinkugeln unterschiedlicher Grösse scheinbar schwerelos schweben. Die Künstlerin bezieht sich darin auf die seit der Antike viel diskutierte Idee der Parallelwelten. Vor diesem Hintergrund ist die raumgreifende, auf einem System von 5 x 5 x 11 Quadraten aufgebaute Struktur als Multiversum zu lesen, wobei jede einzelne kubische Metallbegrenzung eine eigene Realität impliziert. Das Stahlsystem des Gitters steht in einer Korrelation mit den Gesteinen: Kwade folgt einem selbst auferlegten, stringenten Prinzip, bei dem die einzelnen Streben durch das Verschieben im System die Halterung der Kugeln bilden. Die sich ergebenden Durchgänge laden die Besucher ein, ein Multiversum zu betreten und die Schwerkraft der grossen, an ein Gravitationsfeld erinnernden Steinkugeln zu erleben.

Die Natursteine stammen von den verschiedenen Kontinenten unserer Erde und symbolisieren diese. Das Gestein selbst mit seinen unterschiedlichen Schichten, die sich über mehrere Millionen Jahre gebildet haben und eine Altersbestimmung ermöglichen, fungiert als eine Art Zeitskala. Alicja Kwade ist es in "LinienLand" gelungen, ihre Überlegungen zu Raum, Schwerkraft und Zeit auf faszinierende Weise umzusetzen.

"Idols", eine zwölfteilige Arbeit, die auf Papier arrangierte Uhrzeiger aus Messing zeigt, basiert auf Einsteins Erkenntnis über die Existenz von Gravitationswellen in der Raumzeit, die über eine beschleunigte Masse ausgelöst werden. Die zwölf Varianten halten diverse Rotationsschritte der Wellenbewegung fest.

Im ersten Stock wird die Installation "Gegebenenfalls die Wirklichkeit" präsentiert, in der sich die Künstlerin wiederum mit dem Realitätsbegriff beschäftigt. Hier fragt Kwade, was denn ein Objekt eigentlich ausmacht, welche Mittel zur Beschreibung wir zur Verfügung haben und wie die materielle Präsenz eines Körpers und unser Wissen über ihn im Verhältnis stehen.

Mitten im Ausstellungsraum ruht eine Granitskulptur: Sie stellt partiell die Kopie eines in der Natur vorgefundenen Steinbrockens dar, dessen Oberfläche im 3D-Scan-Verfahren vermessen wurde. Die gesammelten Daten wurden danach einer Fräsmaschine digital übermittelt, die das ausgestellte Objekt - aus dem gleichen Gestein wie das Original - autonom erstellte. Kwade liess den Fräsprozess anhalten, sodass die Skulptur in einem Zustand zwischen natürlicher und technologischer Form zu verharren scheint.

An den Wänden hängen über 2'000 Ausdrucke mit den Koordinaten zur Topografie des Objektes, die in Zahlenreihen auf der xyz-Achse von der Mitte des Steines aus beschrieben sind. Die restlichen der insgesamt 30'000 Seiten sind in kupfernen Time-Capsules aufbewahrt oder liegen gestapelt auf dem Boden. Es stellt sich die Frage, was man hier betrachtet - das Reale oder lediglich das Abbild des Realen - und wie Informationen über die Dingwelt dargestellt werden.

Im dritten Stock werden Phänomene des Zufalls und der Raumzeit thematisiert. Ein Kupferrohr, dessen Enden in zwei Trichtern münden, durchbricht zwei Wände und verbindet zwei täuschend ähnliche Raumhälften. Schaut der Betrachter durch die Trichter, so findet er eine fast identische Situation auf der gegenüberliegenden Seite. Zu sehen ist jeweils das zufällige Flackern einer Leuchtstoffröhre. Diese ist an einen Lautsprecher angeschlossen, sodass die Gasentladung auch akustisch erfahrbar ist. Akustisch und visuell nimmt man die absurde Doppelung des zufälligen Geschehens wahr.

Kuratiert von Sabine Schaschl

hkz

Kontakt:

http://hauskonstruktiv.ch/deCH/ausstellungen/aktuell/alicja-kwade.htm

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