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"BHARTI KHER – CHIMERAS"

"BHARTI KHER – CHIMERAS"

29.06.2018 Ausstellung im Kunsthaus Pasquart Biel /Centre d'Art Bienne, bis am 26. August 2018


Bild: Bharti Kher vor / devant / next to: Bharti Kher, Virus VIII, 2017, Mahogany Holz, Messing, Bindis, Band, Leder / Bois mahogany, laiton, bindis, ruban, cuir / Mahagony wood, brass, bindis, ribbon, leather, Dimension Kiste: / Dimensions boîte / Dimensions of box: 46 x 30.5 x 35.8 cm; Diameter Spirale / diamètre spirale / diameter spiral: 300 cm - Courtesy the artist and Hauser & Wirth - Ausstellungsansicht / Vue d'exposition / Exhibition view Galeries 2 Kunsthaus Centre d'art Pasquart 2018; Foto / photo: Julie Lovens

Bharti Kher (*1969, GB, lebt und arbeitet in Delhi) arbeitet mit unterschiedlichsten Medien wie Malerei, Skulptur, Zeichnung und Installation. Sie versteht ihre künstlerische Praxis als Suche nach der Chimäre - dem Bereich zwischen Wirklichkeit und Illusion. Die Künstlerin lässt sich von Bilderwelten ihres Alltags inspirieren, bezieht sich auf diverse Kulturen und lässt daraus radikal heterogene Arbeiten hervorgehen. Im Spannungsfeld der Identitäten, sozialen Rollen und Geschlechter entstehen monumentale Werke und in der Verbindung von Tier- und Menschenwelt körperlich anmutende Mischformen.

Obschon Khers Werke aus einer fernen Welt der Fabeln und Mythen zu kommen scheinen, werfen sie dennoch einen kritischen Blick auf gegenwärtige soziale Phänomene. Ein Leitmotiv in ihrer Arbeit ist das Bindi, in Indien ein Symbol für das dritte Auge und ein populäres Modeaccessoire. Bharti Kher benutzt es als Verbindung zwischen realen und spirituellen Welten, zwischen Geist und Körper. Ihre ikonografischen Bindi-Gemälde entwickeln eine persönliche, kulturelle und spirituelle Sprache, welche vom Ritual, von der Repetition und letztlich von bewusster Widerstandsfähigkeit erzählen. Dabei hinterfragt die Künstlerin ihre Position und Rolle im weiblichen Körper und dessen Fragilität in unterschiedlichen Kontexten. Ihr Œuvre zeigt das prekäre Gleichgewicht, auf welchem unsere Gesellschaften beruhen, und ruft alternative, fantastische Szenarien hervor. Eine Strategie, die möglicherweise unsere Zeiten politischer Beklemmung zu reflektieren vermag.

Die Ausstellung im Kunsthaus Pasquart versammelt wichtige Schlüsselwerke Khers, die ihre künstlerische Stringenz vor Augen führen. So setzt Kher nicht etwa auf konventionelle Materialien und Vorgehensweisen, sondern zieht ihre Ideen und Ausdrucksmittel aus ihrem Alltagsleben.

Ein wichtiger Aspekt, so hat sie selbst einmal erklärt, sei die Verwendung gefundener Objekte: «Meine Augen sind überall und ich kopiere jeden - ich bin wie eine Elster, die sich nimmt, was sie braucht und einen alten glänzenden Knopf in ein Leuchtfeuer verwandelt. Wir sind Produkte unserer eigenen Leben.»

Das Zusammenspiel tausender Bindis erzeugt sowohl in den Bildern als auch in den dreidimensionalen Arbeiten komplex strukturierte Oberflächen, während die zu Skulpturen erstarrten Saris weiterhin den Eindruck textiler Bewegtheit vermitteln. Kher reduziert solche kulturspezifischen Materialien jedoch nicht auf ihren Kontext, wie Geografie oder Geschlecht, sondern erweitert deren Bedeutung. Ihre Arbeit verweist daher nicht nur auf nationale oder geopolitische Identität, sondern wird zur Metapher eines Ortes gelebter und bewusst kreierter Einheit.

In diesem Sinn sind vor allem die gesammelten und gefundenen Objekte wichtig, insbesondere Stühle und Leitern, aus denen Kher Skulpturen schafft, die ein Gleichgewicht mit ihrer Umgebung herstellen, indem sie sich gleichermassen an sie anpassen und sie beeinflussen. Die Arbeit Three decimal points. of a minute. of a second. of a degree (2014), die Kher beispielsweise ursprünglich für die Kochi Biennale produziert hatte, muss an jedem weiteren Standort aktiviert werden, sodass sie bewegt werden und sich der Schwerkraft anpassen kann. Auch die monumentale Skulptur Father (2016), die Darstellung von Khers Vater in Gips und Wachs, scheint provisorisch zu sein. Die Präsentation auf einem Sockel mit Rollen unterstreicht die Wirkung des Ortes als einer veränderlichen Erfahrung.

Sowohl die Bindis und Saris als auch die in ihrem Schaffen immer wieder auftauchenden Spiegel situieren den Körper - meistens den weiblichen - im Mittelpunkt von Khers persönlichen Mythologien. So konfrontiert sie uns immer wieder mit der Frau als Mutter, Monster, Göttin, Kriegerin, Hure oder Mannequin. Diese Frauen sind mal nackt, mal bekleidet und tragen Symbole verschiedener bekannter als auch unbestimmter kultureller Systeme.

Sie wurden zu grotesken oder bedrohlichen Kreaturen hybridisiert oder systematisch auf ihre zergliederten Körperteile reduziert. Verunsichert, verwirrt, belustigt oder schockiert werden wir aufgefordert, uns auf die Werke der Künstlerin als mächtige aber zugleich verletzliche Wesen einzulassen.

Ähnlich den Bindis, welche die Oberfläche von Tierkörpern formen, zum Beispiel die monumentale Skulptur eines Walherzens (An absence of assignable cause (2007)), werden Frauenkörper mit Gips überzogen. Diese zweite Haut, kann einerseits als eine Stärkung von deren Identität durch eine Art schamanistische Energie oder auch als fingierte Hülle verstanden werden.

Die Art und Weise wie Kher unsere Wahrnehmung und Betrachtung des Körpers, unser Wissen oder Nichtwissen erkundet, bestimmt sowohl den physischen Prozess ihres Schaffens als auch die Form, in der ihre Ideen zum Ausdruck kommen.

In der Serie Chimera (2016) offenbart beispielsweise die Kombination aus dem Abformen, Schichten, Vermengen, Verkleiden und dem Aufbrechen von Gips, Wachs und Sackleinenfasern wesentliche Aspekte der Arbeit: Nämlich die Offenlegung, respektiv das Negativ, des Inneren eines menschlichen Kopfes oder Gesichts, dessen äussere Merkmale unserem Blick verborgen bleiben.

Dieser Prozess der Erfahrbarmachung von Innerlichkeit oder Innenleben spielt thematisch auch für die Serie gynäkologischer Lehrtafeln von schwangeren Frauen aus den 1950er-Jahren eine Rolle. Die wiederkehrenden zersplitterten Spiegel, ihre von Bindis unterbrochenen Oberflächen, sind eine ebenso wirkmächtige Metapher für das fragmentierte Selbst oder die Ambivalenz des Menschseins an sich.

Die Präsentation im Kunsthaus Pasquart ist die erste Einzelausstellung von Bharti Kher in der Schweiz.

Kuratorin der Ausstellung:

Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

Publikation zur Ausstellung:

Zur Ausstellung erscheint eine reich bebilderte Publikation mit Texten von Aveek Sen, Susan Silas und Chrysanne Stathacos im Verlag für moderne Kunst (DT / FR / ENG).

khb

Kontakt:

https://www.pasquart.ch/event/bharti-kher/

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