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"EVELYN HOFER – BEGEGNUNGEN"

"EVELYN HOFER – BEGEGNUNGEN"

01.03.2020 Ausstellung Fotostiftung Schweiz, Winterthur, bis am 24. Mai 2020


Bild oben: Evelyn Hofer, Alma und Silvia Giovanoli, Soglio, 1991,
© Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum (Bild zur Vergrösserung anklicken)

Die Fotostiftung Schweiz zeigt eine umfassende Werkschau von Evelyn Hofer (1922- 2009), die von der "New York Times" als die "berühmteste 'unbekannte' Fotografin Amerikas" bezeichnet wurde. Ihre Bildstrecken für Magazine sowie ihre freien Arbeiten sind facettenreich und bunt. Sie gewähren Einblick in die Privaträume weltbekannter Künstler wie Andy Warhol und Marlene Dietrich. Sie präsentieren faszinierende Porträts sich transformierender Grossstädte und ebenso Sozialstudien vergessener Landstriche.

Bereits in den 1950er-Jahren nutzte Hofer auch die Farbfotografie und gewann ihr eine Ausdruckskraft ab, die zu dieser Zeit allenfalls William Eggleston erreichte. Mit der Grossformatkamera konzentrierte sie sich auf das Wesentliche und schuf oft malerische Fotografien, deren Zeitlosigkeit bis heute beeindruckt.

Doch ist es die Schweiz, die in ihrem Werk eine wichtige Rolle als Sehnsuchtsort und Wahlheimat spielt. Jeden Sommer kam die deutsch-amerikanische Fotografin ins Bergell zurück, wo eine umfangreiche Porträtserie entstand.

Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, Evelyn Hofer als Pionierin neu oder wieder zu entdecken.

In der Zeit des aufblühenden Wirtschaftswunders schuf Evelyn Hofer ikonische Bilder. Landschaften, Architekturaufnahmen, Interieurs, Stillleben und immer wieder Porträts - die selbstbestimmte Künstlerin hat ein fotografisches Kaleidoskop hinterlassen, das fast ein halbes Jahrhundert umspannt.

Die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz vereint 120 von Hofers verschiedenen Arbeiten. Die Städteporträts in Buchform, essayistische Bildstrecken für Magazine sowie ihre freien Arbeiten werden nebeneinander gezeigt. Man begleitet Evelyn Hofer auf ihren Streifzügen durch Washington und New York, begibt sich mit ihr auf Reisen in ein walisisches Dorf, besucht bekannte Kunstschaffende in ihren Ateliers - und staunt: Ihrem Gegenüber begegnet die Fotografin stets mit derselben Neugierde und Offenheit.

Dieser Reigen von Bildern in feinen Grautönen und starken Farben berührt uns durch die Wärme, mit der Evelyn Hofer Momente für die Ewigkeit festgehalten hat.
 Gleichwohl ist ihr Werk von einer aussergewöhnlichen Konsistenz. Ihre Fotografien sind auf das Wesentliche der Personen und Dinge verdichtet, durchdacht und eingängig. Hofers geradliniger Stil ist an keine modischen Strömungen gebunden und veränderte sich über die Jahrzehnte kaum. Während Zeitgenossen wie Robert Frank oder Helen Levitt in schnappschussartigen Aufnahmen den subjektiven Zugang betonten, sind ihre Bilder durchkomponiert und malerisch.

Evelyn Hofer

Evelyn Hofer war zeitlebens eine Heimatlose. 1922 in Marburg an der Lahn in eine wohlhabende Familie geboren, zieht sie 1927 ins Fextal im Oberengadin. 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, gibt sie die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Für einige Jahre lebt die Familie in Madrid, bei Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs kehren Evelyn Hofer und ihre Schwester aber wieder ins Engadin zurück. Während der Zeit in der Schweiz, als knapp 20-Jährige, beginnt sie eine Ausbildung als Fotografin im Studio Bettina in Zürich und nimmt Privatstunden bei den Fotografen Hans Finsler und Robert Spreng, einflussreichen Vertretern der Neuen Sachlichkeit.

Der Vater, in der Zwischenzeit nach Mexiko ausgewandert, lässt seine Familie 1942 nachkommen. Evelyn Hofer nimmt die mexikanische Staatsbürgerschaft an und bekommt erste Aufträge für Modezeitschriften. Die Reaktionen auf diese Aufnahmen sind durchzogen. Ihr wird vorgehalten, keine Modefotografien, sondern vielmehr Porträts der Modelle zu schaffen.

Sie kämpft um die Anerkennung ihrer Arbeit und gegen das Vorurteil, sie vertreibe sich die Zeit bis zur Heirat mit Fotografieren. Dies ändert sich nach und nach, als sie 1946 nach New York umzieht und als freischaffende Fotografin für Zeitschriften wie "Harper's Bazaar" oder "Vogue" zu arbeiten beginnt. New York wird bis ins hohe Alter ihr Arbeits- und Wohnort bleiben, zu einer wirklichen Heimat wird die Metropole aber nie. Zeit ihres Lebens pflegt sie eine enge Beziehung zur Schweiz. Evelyn Hofer zieht 2005 zu ihrer Schwester nach Mexiko City, wo sie 2009 stirbt.

Städteporträts

In Hofers Werk nehmen Städteporträts eine besondere Stellung ein. Diese veröffentlicht sie in Bild-/Textbänden, wobei sie einen freien und offenen Zugang wählt und für jede Stadt eine eigene Bildsprache findet. Während die Fotografien den für sie typisch objektiven Charakter haben, sind die begleitenden Texte von bekannten Autorinnen und Schriftstellern assoziativ und persönlich gefärbt. Gleichwertig nebeneinander verbinden sie sich zu einem losen Narrativ, das eine differenzierte Wirklichkeit wiedergibt. Auf das erste Fotobuch über Florenz folgen bis Ende der 1960er-Jahre rund ein Dutzend weitere, unter anderem über New York, Washington und Dublin.

New York

In den Fotografien für das Buch "New York Proclaimed", das 1965 mit Texten von Victor Sawdon Pritchett erschien, tastet Evelyn Hofer die Oberfläche der Stadt ab: Ihr Blick fällt auf glänzende Wolkenkratzer, polierte Autos, grelle Werbeplakate, aber auch auf den Boden und in Fenster, in raue Winkel, auf Baustellen und Mülleimer. In dieser ambivalenten Kulisse begegnet sie den Bewohnern der Stadt: Drei Männern, die aus der Bar das Geschehen auf der Strasse beobachten, Personen verschiedener Hautfarbe, die im Jahr des Civil Rights Act 1964 zusammenstehen und einem schüchtern dreinschauenden Polizisten. So bewegt sich Evelyn Hofer zwischen Landschaftsaufnahmen und Porträts, wobei sie die beiden Genres mitunter gekonnt verbindet, wie beispielsweise in Queensboro Bridge, New York, 1964.

Washington

Nur ein Jahr später entsteht mit "The Evidence of Washington" ein Städteporträt in ähnlicher Machart, mit Texten des Journalisten und Malers William Walton. Auch hier geht Hofer mit ihrer Kamera auf Entdeckungstour und fängt die Eigenheiten der Stadt und ihrer Bewohner ein. Das Wesen der Stadt als Zentrum der politischen Repräsentation gibt sie in streng angeordneten Gruppenporträts wieder. Räume, Personen und Fahrzeuge sind Vermittler der Autorität des Staates. Dazwischen dringt die Lebenswirklichkeit der Chauffeure, Sekretärinnen und anderer Bewohner von Washington durch.

Dublin

Irland, geprägt vom Katholizismus und seiner veralteten Infrastruktur, befindet sich zum Zeitpunkt der Aufnahmen im Umbruch. Die Fotografien in Grautönen geben tiefe, teils morbid anmutende Einblicke in die Gesellschaft. Wo Grau, Schwarz und Weiss vorherrschen, treten die Details in den Vordergrund: in den Arbeitskleidern von Kellnern oder Dienstmädchen, auf dem Friedhof und in Schusterbuden. Wie selbstverständlich wechselt Evelyn Hofer dazwischen zur Farbfotografie, um die Lichtstimmungen der Stadt einzufangen und den Bildern eine erzählerische Wendung zu geben. Das Mädchen mit dem zu grossen Fahrrad und den roten Strümpfen scheint den Anforderungen des Lebens erfolgreich zu trotzen. Und die vom Spiel gezeichneten Fussballer werden von Evelyn Hofer nicht als männliche Helden porträtiert, sondern als sympathische Kumpels von nebenan, die der misslichen Wirklichkeit ihre kleinen Alltagsfreuden und ihre Freundschaft entgegensetzen.

Magazinbeiträge / Reportagen

Im Auftrag von Magazinen wie "Sunday Times Magazin", "The New York Times Magazine" und "Life" reiste Evelyn Hofer für Reportagen an Orte in den USA und in Europa. Oft lebte sie für einige Wochen da, führte Interviews und füllte ganze Notizbücher mit ihren Recherchen. Die Ernsthaftigkeit ihres profunden Vorgehens lässt sich in den Bildern ablesen.

Wales

Nach einigen kleineren Reisereportagen erscheint 1965 ihr erster fotografischer Essay "The Welshman" in "Life International". Es handelt sich um eine Sozialstudie der Bewohner von Wales. Durch einen weit gefassten Bildausschnitt nimmt Evelyn Hofer auch Landschaften und Dinge in die Porträts auf und setzt die Menschen damit in einen gesellschaftlichen, beruflichen und kulturellen Kontext. Sie tut dies in ihrem typischen Stil: Die Dargestellten ruhen in sich und ihrer Umgebung. Damit hebt sich Evelyn Hofer von der dynamischen Magazinfotografie und den flüchtigen Momentaufnahmen vieler Zeitgenossen ab. Es sind Begegnungen auf Augenhöhe, bei denen die Porträtierten ein statisches und präsentes Gegenüber bilden und den Blick der Fotografin erwidern.

Künstlerporträts

Für verschiedene Magazine wie "House & Garden", "Vanity Fair" und "Vogue" besucht Evelyn Hofer einige der zentralen Figuren der internationalen Kunstszene in ihren Ateliers. Andy Warhol porträtiert sie ein erstes Mal in den 1960er- und mehrmals in den 1980er-Jahren. Ihre Reportage für "House & Garden" kommt aber ganz ohne das Gesicht des Pop-Art-Papsts aus. Seine Wohnräume sprechen Bände. Sie erzählen uns über das Selbstverständnis des Künstlers und seine Vorliebe für opulente Möbel - fernab einer klischierten Homestory. Auch in anderen Porträts sind die Künstlerinnen und Künstler abwesend; Räume und Gegenstände sind ihre Stellvertreter. In Marlene Dietrichs Nachlass, der nach ihrem Tod in einem Hangar eingelagert wurde, ist der einzige Hinweis auf ihre Person eine Fotografie; trotzdem scheint sie in Hofers Fotografien fast physisch anwesend zu sein. Jackson Pollock und Lee Krasner begegnen wir in Form von Farbkübeln und einem Paar Schuhe in ihrem Atelier auf Long Island.

Freie Arbeiten

Bei Evelyn Hofer ist zwischen den Fotografien, welche für Magazine und Bücher entstanden sind und ihren freien Projekten kein Unterschied bezüglich des künstlerischen Anspruchs auszumachen. Alle ihre Arbeiten werden heute entsprechend im Kunstkontext rezipiert. Die Serien im eigenen Auftrag sind insgesamt konzeptueller angelegt, die persönliche Motivation ist stets spürbar.

Soglio

Ein Herzstück in Evelyn Hofers Werk ist die umfangreiche Porträtserie der Bewohner von Soglio. Das kleine Dorf im Bergell war der Ort, den Evelyn Hofer am ehesten als ihr Zuhause betrachtete. Jeden Sommer kehrte sie nach Soglio zurück, das sie seit ihrer Kindheit kannte und schätzte. Ihre tiefe Verbundenheit zeigt sich in der ausserordentlichen Nähe zu den Porträtierten: entspannte Körper, gelöste Gesichter und das private Umfeld sind Ausdruck dieser vertrauensvollen Beziehung.

Stillleben

Wie sehr Evelyn Hofer ihre Fotografie an den Ansprüchen der Malerei misst, wird in ihrer letzten freien Werkserie offenbar. Die Stillleben mit Früchten sind von der spanischen Malerei des 17. Jahrhundert inspiriert. So zitiert sie etwa ein Gemälde des spanischen Barockmalers Francisco de Zurbarán: Die Zitronen und Orangen, die sich leuchtend vom tiefschwarzen Hintergrund abheben, sind wie das Original in der Schwebe zwischen inszenierter Künstlichkeit und naturgetreuer Wiedergabe. In den technisch perfekten Studioaufnahmen, umgesetzt im aufwändigen Dye Transfer-Verfahren, bleibt die Sinnlichkeit der Malerei erhalten - hier bringt sie in grosser Meisterschaft auf den Punkt, was ihr ganzes fotografisches Werk auszeichnet.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie m, Bochum, und dem Evelyn Hofer Estate, München.

Publikation

Begleitend zur Ausstellung erscheint das Buch:
 Evelyn Hofer, Begegnungen / Encounters. Herausgegeben von Susanne Breidenbach, Steidl Verlag, 280 Seiten, 190 Abbildungen, Leineneinband, Englisch / Deutsch. Im Buchhandel erhältlich für CHF 75, im Shop des Fotozentrums während der Ausstellung für CHF 65.

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Kontakt:

https://www.fotostiftung.ch/

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evelyn hofer

Bild: Evelyn Hofer, Hommage à Zurbarán (Still Life No. 6), New York, 1997
© Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum

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