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"KALÉIDOSCOPE - PERSPEKTIVEN AUF 30 JAHRE SAMMLUNG"

"KALÉIDOSCOPE - PERSPEKTIVEN AUF 30 JAHRE SAMMLUNG"

05.07.2020 Ausstellung im Kunsthaus / Centre d'art Pasquart Biel / Bienne, bis am 6. September 2020


Bild: Markus Raetz, Ombre, 2007, Portfolio mit 17 Heliogravuren nach Glasklischees, 37.6 x 29.8 cm, Stiftung Kunsthaus-Sammlung Pasquart / Fondation Collection Centre d'art Pasquart - Foto: GFF Biel Bienne

Im Zeichen seines 30-Jahr-Jubiläums schaut das Kunsthaus Pasquart Biel/Bienne zurück auf 30 Jahre Sammlungstätigkeit. Zu Beginn auf regionale Kunst ausgerichtet, liegt der Fokus seit einigen Jahren auf Werken internationaler Kunstschaffender, deren Arbeiten Teil einer Ausstellung im Kunsthaus waren. Heute zählt die Kunsthaus-Sammlung Pasquart über 1'800 Werke.

Kaleidoskop bedeutet "schöne Formen sehen"; sein Formenspiel weist aber über seine Wortbedeutung hinaus: Das Kaleidoskop regt an, sich über Perspektiven Gedanken zu machen. Es setzt Fragmente zu neuen Gestalten zusammen und erzeugt eine Vielzahl verschiedener Sichtweisen, die sich verbinden oder voneinander abprallen.

Die Ausstellung zeigt Neuzugänge, selten gezeigte und vertraute Arbeiten, zusammenhängende Werkgruppen oder Einzelstücke. Die Vielfalt spiegelt die wechselnden Vorstellungen jener AkteurInnen, welche die Sammlung mitgeformt haben, aber auch Schenkungen, die neue Schwerpunkte legten. In diesem Zusammentreffen von Werken kann es einerseits Beziehungen oder Verflechtungen geben; andererseits hat das Sammelgut oft wenig miteinander zu tun. Das Erproben von Konstellationen und gegenwärtige Blicke auf Gesammeltes lassen neue Kontexte entstehen.

"Es ist uns ein Anliegen, unsere Perspektiven auf 30 Jahre Sammlung mit Positionen aktueller Bieler KünstlerInnen zu erweitern", schreiben die Verantwortlichen. Béatrice Gysin, Katrin Hotz, Jeanne Jacob und Simon Ledergerber schaffen unterschiedliche Reaktionen auf ausgewählte Werke der Sammlung. Ihr künstlerischer Blick ermöglicht eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Bestehenden.

Béatrice Gysin (*1947 in Zürich, lebt und arbeitet in Biel) stellt kleinere Zeichnungen und Objekte den 17 Heliogravuren aus Markus Raetz' Portfolio "Ombre" (2007) gegenüber. Sorgfältig wählte die Künstlerin bestehende Arbeiten aus ihrem eigenen Archiv aus, in denen sie Parallelen, Ähnlichkeiten oder Wahlverwandtschaften zu Raetz‘ grafischer Arbeit fand. Installativ auf Tischen präsentiert, bildet die Kombination einen Kontrast; doch die Frage nach dem Sehen begleitet beide Kunstschaffenden, welche die tägliche, zur Routine gewordene Wahrnehmung mit ihren Werken hinterfragen. Entstanden ist ein stiller und poetischer Raum, der einlädt, den Blick über zeichnerische Texturen und hügelige Landschaften von Alabaster schweifen zu lassen, den präzisen Linien zu folgen und Formen, die immer wieder auftauchen, zu entdecken. Die Gegenüberstellung fordert von den BetrachterInnen ein intensives Hinsehen, in dem sich erst Narrationen, Entsprechungen oder sinnliche Begegnungen eröffnen können. Als zweite Gegenüberstellung wählte Béatrice Gysin die skulpturale Zeichnung von Anna Barribals Untitled V (2008), worauf sie mit einer dreidimensionalen Zeichnung auf Holz und Glas reagiert.

Katrin Hotz (*1976 in Glarus, lebt und arbeitet in Biel) begegnet der Kunsthaus-Sammlung mit gross- und kleinformatigen Tuschzeichnungen aus den Jahren 2011-13. Die Werke aus ihrer Serie "Occhi" (2013) bilden sich aus Netzstrukturen und Rhomben, freien weissen Stellen oder schwarzen Kreisen, die sie in rhythmischem, schnellem Zeichnen entwickelt. Ihre Formen brechen aus der geometrischen Strenge aus und erinnern eher an Geflechte oder organische Strukturen. Diese bewegten Gebilde stellt die Künstlerin in Dialog mit Clare Goodwins Werken "Graham" (2013) und "Howard" (2016), deren präzise und klar abgegrenzten Farbflächen Goodwin mittels der Namensgebung ihrer Kompositionen Narrative einer sozialen Realität entgegensetzt.

Daneben finden sich im selben Raum Abstraktionen von Heinz-Peter Kohler, die auf unerwartete Weise in Beziehung mit den anderen Werken treten. In Rebecca Horns "Bleistift-Flügel" (1988) findet Katrin Hotz eine formale Verwandtschaft zu Werken aus ihrer Reihe "Pickles" (2011-13). Es sind vage Gedankengebilde und sanfte Gefüge, die sich vom weissen Untergrund abheben und wirken, als würden sie jeden Moment dem Bildraum entweichen. An einem anderen Ort tritt Hotz' brennender Turm "Vergessen das Vergessen nicht" (2007) in ein Gespräch mit Martin Ziegelmüllers 5. Zyklus "Teilchenbeschleuniger" (2013-14).

Die Malerin Jeanne Jacob (*1994 in Neuchâtel, lebt und arbeitet in Biel) schuf gleich mehrere neue Werke für die Ausstellung, mit denen sie unterschiedlich auf KünstlerInnen der Sammlung wie Rebecca Horn, Klodin Erb oder Francisco Sierra reagiert. Sie malt intuitiv, und oft überlagern sich Flächen, Formen und Figuren, bis die Künstlerin durch den Malprozess zum Resultat findet. Im Foyer kombiniert sie "Party, Party" (2020) mit San Kellers "Stammtisch" (2007). Die zwei Figuren scheinen in einem Moment zwischen Lust und Langeweile festgehalten worden zu sein. Jacob malt Menschen und Körper, uninszeniert und in einer alltäglichen Selbstverständlichkeit eingefangen; sinnlich und intim, ohne dabei pornografisch zu wirken. Sie befinden sich in einer Art Schwebezustand, in dem Ideale unterlaufen werden und Widersprüche möglich sind. In den Galerien begegnen wir "99 Mickeys", die Jacob in Reaktion auf Markus Raetz' Skulptur "Form im Raum" (1991-92) geschaffen hat. Ihr Werk "Fluide Mickey" (2020) löst das idealisierte und stereotypische Abbild von Mickey Mouse auf, indem die Künstlerin der Ikone 99 Gesichter gibt. Die facettenreichen Emotionen der Mausgesichter machen unterschiedliche Charakterzüge sichtbar. Jacob personifiziert die Kunstfigur und transformiert so das Kollektive ins Individuelle.

Simon Ledergerber (*1977 in Brunnen, lebt in Zürich und arbeitet in Biel) wählte aus der Kunsthaus-Sammlung das Werk "from white earth" (1993) des niederländischen Künstlers herman de vries. Darin zeigt sich die Landschaft nicht bildlich, sondern in Form von Erdabrieben auf Papier, die sich zu einer minimalistischen Präsentation von Monochromen zusammenfügen. Im Zentrum seines Schaffens steht die Natur als Lebens- und Erfahrungsraum. Simon Ledergerber stellt diesem Werk seine Arbeit "Vor dem Gesetze (nach Kafkas Text)" (2019) gegenüber, mit dem er auf Franz Kafkas Türhüterparabel verweist. Er arbeitet meist mit natürlichen Materialien, beschäftigt sich mit Arbeitsprozessen und mit Fragen der Formwerdung. Rohmaterial in eine Form zu bringen, ohne seine Eigenschaft zu dominieren, sondern das miteinzubeziehen, was im Material bereits angelegt ist, steht im Fokus des Künstlers. So finden sich seine Werke oft im Spannungsfeld zwischen Natur und Künstlichkeit.

khb

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