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"ROBERT FRANK - MEMORIES"

"ROBERT FRANK - MEMORIES"

09.09.2020 Ausstellung Fotostiftung Schweiz, Winterthur, vom 12. September 2020 bis am 10. Januar 2021


Bild oben: Robert Frank, Paris, 1952 © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York (Bild zur Vergrösserung anklicken)

robert frank london

Bild: Robert Frank, London, 1951 © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Der 1924 in Zürich geborene und letztes Jahr in Kanada verstorbene Robert Frank zählt zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Wie kein anderer hat er über Jahrzehnte die Grenzen der Fotografie erweitert und ihr narratives Potenzial ausgelotet. Tausende von Kilometern hatte Robert Frank Mitte der 1950er-Jahre zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste zurückgelegt und dabei knapp 700 Filme belichtet.

Eine Auswahl von 83 Schwarzweissbildern aus dieser Mischung von Tagebuch, düsterem Gesellschaftsporträt und fotografischem Roadmovie sollte Generationen von Fotografinnen und Fotografen prägen. Das Fotobuch "The Americans" erschien zunächst in Paris, bevor es 1959 auch in den USA publiziert wurde - eingeleitet von keinem Geringeren als dem Beat-Literaten Jack Kerouac.

Schräge Einstellungen, angeschnittene Figuren und Bewegungsunschärfen kennzeichneten einen neuen fotografischen Stil zwischen Dokumentation und Erzählung, der die Nachkriegsfotografie nachhaltig veränderte.

Dieses vielleicht einflussreichste Buch der Fotogeschichte war jedoch kein spontaner Geniestreich; vielmehr hatte sich Frank seine subjektive Bildsprache über Jahre erarbeitet. Seine Aufnahmen aus der Schweiz, Europa und Südamerika ebenso wie seine bisher kaum gezeigten Arbeiten aus den USA zu Beginn der 1950er-Jahre sind den berühmten Klassikern aus "The Americans" oft ebenbürtig. Das aus editorischen Gründen unveröffentlicht gebliebene und daher bis heute wenig bekannte Frühwerk des Fotografen offenbart Verbindungen zu jenen ikonischen Bildern, die unsere Vorstellung von Amerika bis heute bestimmen.

Im Zentrum der Ausstellung "Robert Frank - Memories" steht die erzählerische Kraft von Robert Franks Bildsprache, die sich gegen alle Konventionen entwickelte und erst dann internationale Anerkennung erfuhr, als sich Frank bereits von der Fotografie verabschiedet und dem Medium Film zugewandt hatte.

Gezeigt werden zur Hauptsache Vintage-Silbergelatineabzüge aus der Sammlung der Fotostiftung Schweiz, die entweder aus der ehemaligen Sammlung von Robert Franks langjährigem Freund Werner Zryd stammen (heute im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft) oder vom Künstler der Fotostiftung Schweiz geschenkt wurden. Sie werden ergänzt mit einigen Leihgaben des Fotomuseum Winterthur.

Eine Präsentation der Bücher und Filme, die der Verleger Gerhard Steidl während mehr als 15 Jahren mit Robert Frank herausgegeben hat, begleitet die Ausstellung (in der Passage zur Bibliothek und im Seminarraum).

Frühwerk

Nach einer abenteuerlichen Reise auf einem Frachtschiff erreichte Robert Frank New York im März 1947. Die Schweiz war dem jungen, ambitionierten Fotografen zu eng geworden, und er war voller Hoffnung, sich in Amerika ohne familiäre und gesellschaftliche Zwänge entfalten zu können. In seinem Gepäck befanden sich seine 6×6 cm Rolleiflex und ein kleinformatiges, spiralgebundenes Portfolio mit 40 Fotografien aus seiner Lehrzeit 1941-1946. Dieses enthielt Landschaftsaufnahmen, Porträts, freie Reportageaufnahmen und sorgfältig ausgeführte Sachaufnahmen, welche belegten, dass der 22-Jährige ein bestens ausgebildeter Fotograf war. So erstaunt es nicht, dass Frank aufgrund des Portfolios und erster Probeaufnahmen vor Ort auf Anhieb als Assistenzfotograf angestellt wurde - bei Alexey Brodovitch, dem einflussreichen Art Director der Zeitschrift "Harper's Bazaar".

Im verlagseigenen Fotostudio fotografierte Frank Produkte der Modebranche, angefangen mit nüchternen Aufnahmen von Damenschuhen und allen möglichen Accessoires bis hin zu sorgfältig inszenierten Modeaufnahmen und gelegentlichen freieren, journalistischen Arbeiten. Er hatte Erfolg, stieg in der Studiohierarchie auf, doch er erkannte auch schnell, dass sich in dieser Branche alles nur ums Geld drehte. Damit konnte er sich nicht abfinden und er gab seine feste Stelle nach wenigen Monaten wieder auf, um wirklich frei arbeiten zu können. 

Im darauffolgenden Jahr reiste Frank nach Peru und Bolivien, wo er intensiv mit der Leica 35 mm zu fotografieren begann. Er erinnerte sich später: "Ich führte eine Art Tagebuch. Ich ging sehr frei mit der Kamera um. Ich dachte nicht darüber nach, was richtig ist; ich tat das, was sich für mich gut anfühlte. Ich war wie ein Action Painter."

Im Frühling 1949 kehrte Frank nach Europa zurück. In der Schweiz fotografierte er die alljährlich stattfindende Landsgemeinde im Kanton Appenzell Ausserrhoden, an der die Bürger - damals nur Männer - unter freiem Himmel durch Handerheben ihr Stimm- und Wahlrecht ausübten. Sein Ziel, diese Bildgeschichte an eine grosse Zeitschrift zu verkaufen, erreichte er jedoch nicht, obwohl er sie auch über die renommierte Agentur Magnum vertreiben liess. Frank hatte wohl zu wenig das eigentliche Ereignis dokumentiert, weil ihn die Befindlichkeit der einfachen Leute mehr interessierte als die Selbstdarstellung der Regierungsmitglieder in Frack und Zylinder.

Diese Fotografien der Landsgemeinde nehmen den kritisch prüfenden Blick vorweg, mit dem Frank bald darauf die verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse in Amerika betrachten sollte, und zwar aus der subjektiven, nach innen gerichteten Perspektive eines Aussenseiters.

"Black White and Things"

Ende 1949 präsentierte die internationale Zeitschrift "Camera" eine erste Übersicht über Franks Werk. Im begleitenden Text wurde er als ein "die Wahrheit, die ungeschminkte Tatsache" liebender Fotograf beschrieben, "der aus dem Drang zum Erleben in die Welt hinausfährt und mit der Kamera ins Leben greift". Tatsächlich fotografierte Frank zwischen 1949 und 1953 vor allem in Paris, London und Spanien und pendelte mehrmals zwischen Europa und den USA hin und her. In Spanien arbeitete er an einer Reportage über einen Stierkämpfer, und in London beobachtete er Szenen im Bankenviertel. In Paris fotografierte er vor allem Stühle und Blumen - Bilder, die er in einem seiner zukünftigen Frau gewidmeten Album zusammenfasste. In den folgenden Jahren befreite er sich von jeglichen persönlichen Sentimentalitäten.

Obwohl Frank immer wieder versuchte, kleinere oder grössere Geschichten oder Essays in Illustrierten wie "Life" zu veröffentlichen, hatte er damit nur mässig Erfolg. Eine der wenigen Ausnahmen war die Reportage über den walisischen Kohlearbeiter Ben James, die im Jahrbuch U.S. Camera 1955 erschien. Doch Frank konnte mit der gängigen Vorstellung, dass Fotografie eine universelle Sprache sei, die von allen verstanden würde, immer weniger anfangen. Mehr und mehr entfernte er sich von den Erwartungen der Printmedien und entwickelte eine intensive Abneigung gegen die stereotypen "Life-stories", "diese verdammten Geschichten mit einem Anfang und einem Ende", wie er sie einmal nannte.

"Black White and Things", eine 34 Fotografien umfassende Buchmaquette, die Frank im Herbst 1952 zusammen mit seinem Freund Werner Zryd in Zürich gestaltete, war ein Versuch, diesen Konventionen etwas Neues entgegenzusetzen: eine nicht als lineare Geschichte angelegte, sondern intuitiv gestaltete Bildfolge ganz ohne Text, der er nur das berühmte Saint-Exupéry-Zitat aus Der kleine Prinz voranstellte: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

"Black White and Things" präsentiert sich deshalb als eine Art dreiteiliges visuelles Gedicht. Viele Aufnahmen sind unterbelichtet und grobkörnig, Bildränder verdecken Teile der Szene, Horizonte sind schief, Zwielicht herrscht vor. Frank konzentrierte sich aufs Alltägliche, Flüchtige und Randständige. In seinen Bildern wenden Menschen sich von der Kamera ab. Die sonst so grandiose amerikanische Landschaft erscheint trostlos und öde, "really more like Russia", wie Frank einmal zu Kerouac bemerkte. Er hatte die Regeln, welche ihm in der Schweiz auf den Weg gegeben worden waren, radikal auf den Kopf gestellt, um so nahe an den Ausdruck seiner subjektiven Wahrnehmung heran zu kommen wie möglich und auf schonungslos ehrliche Art ein Stück Wahrheit zu formulieren.

Kerouacs Einleitung beginnt mit den Worten: "Dieses irre Gefühl, wenn in Amerika irgendwo die Sonne auf die Strassen brennt und Musik aus einer Jukebox oder von einer Beerdigung kommt, das hat Robert Frank in seinen grossartigen Fotografien eingefangen; mit einem alten Gebrauchtwagen (und mit einem Guggenheim-Stipendium) fuhr er praktisch in achtundvierzig Bundesstaaten Amerikas herum und fotografierte mit der Beweglichkeit, Heimlichkeit, Genialität, Traurigkeit und seltsamen Verstohlenheit eines Schattens Szenen, wie sie noch nie auf Film festgehalten wurden [...]."

Angelegt als ein langer poetischer Bogen von Bildern, mit vielen Verkettungen, Abschweifungen, Assoziationen, aber auch Gedankensprüngen und Mehrdeutigkeiten, provozierte "The Americans" viele Kritiker. Obwohl sie generell eingestanden, dass Frank sehr kraftvolle Bilder gelungen waren, verstanden sie seine Sicht auf die Amerikaner als eine böswillige Attacke auf die Vereinigten Staaten. Hinter der Fassade der amerikanischen Gesellschaft hatte Frank Anzeichen von Rassismus, von hohlem Patriotismus, von durch den Kommerz vereinnahmter Frömmigkeit und politischer Korruption geortet, was ihm, dem jüdischen Fremden, übel genommen wurde. Schon vor der Publikation seines aufrüttelnden Buches hatte er geschrieben: "Vor allem weiss ich, dass das Leben einem Fotografen nicht gleichgültig sein kann. Eine Meinung ist oft eine Form von Kritik. Aber man kann auch aus Liebe kritisieren. Es ist wichtig das zu sehen, was für andere unsichtbar ist."

Martin Gasser, Kurator

Kontakt: 

https://www.fotostiftung.ch/index.php

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robert frank new orleans

Bild: Robert Frank, Trolley – New Orleans, 1955 © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

          

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