BÜRO DLB - IDEE-REALISATION-KOMMUNIKATION
Daniel Leutenegger, Bulliard 95, CH-1792 Cordast, Tel +41 (0)26 684 16 45 (nachmittags), Fax +41 (0)26 684 36 45, www.buero-dlb.ch

BÜRO DLB - IDEE-REALISATION-KOMMUNIKATION
Daniel Leutenegger
Bulliard 95
CH-1792 Cordast
Tel +41 (0)26 684 16 45 (nachmittags)
Fax +41 (0)26 684 36 45
E-Mail
www.buero-dlb.ch

"WUNDERWELT PYA HUG"

"WUNDERWELT PYA HUG"

23.11.2018 Ausstellung Museum im Lagerhaus, St.Gallen, Stiftung für schweizerische naive Kunst und Art Brut, vom 27. November 2018 bis am 24. Februar 2019


Bild: Pya Hug (1922-2017), 
Ohne Titel (Engel), undatiert, Mixed Media
, 74x74x10
 © Museum im Lagerhaus

In ihrem Haus in Goldach hatte sich Pya Hug ihre eigene Wunderwelt erschaffen. Bilder, Collagen, Objekte, Wandteppiche und vor allem Wachsarbeiten, reich mit Perlen, glitzernden Steinen und Bordüren geschmückt, waren in der kleinen Küche entstanden. Zum Schluss erschien das ganze Haus als ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk, sogar ein eigenes kleines "Wachsmuseum" hatte sich Pya Hug darin eingerichtet.

Ein Gesamtkunstwerk

Als Haushaltshilfe arbeitete Pya Hug in Genf und Paris. Sie heiratete den Textilkaufmann Max Hug, der eine eigene Textilfirma betrieb, und hatte mit ihm zwei Söhne. In dieser Zeit war sie mit ihrem Mann auch oft auf Reisen. Sie liebte schöne Dinge, Stoffe, Perlen. Nach ihrer Ehescheidung führte sie in Rorschach mehrere Jahre einen Antiquitäten- und Trödelladen. Regelmässig durchforstete sie Trödelmärkte nach neuen Materialien für ihre Kunst. Eine kleine Küche diente ihr in ihrem rastlosen Schaffensdrang als Atelier. Ihr Haus in Goldach SG, in dem sie 1962 bis 2014 lebte, war zunehmend überfüllt mit ihren selbst gestalteten fantastischen Objekten, Bildern, Collagen, Wandteppichen und den vielen Kästen, die wie eine Bühne oder ein Guckkasten prächtig gestaltete Szenen zeigen. Wachsarbeiten aller Art gehören zu ihren besonderen Spezialitäten: in Bildern, Reliefs oder als freistehende, nahezu lebensgrosse Figuren. Das Haus wurde zu einem in sich geschlossenen Gesamtkunstwerk.

Wunderwelt Pya Hug

"Die spinnt die Pya!", sagte Pya Hug immer wieder liebenswürdig über sich selbst. 
Am 27. Juli 1922 wurde sie als Tochter eines Schreiners und Zimmermanns, der auch ein leidenschaftlicher Jäger war, in Domat/Ems GR geboren. Der Schulbesuch bei katholischen Schwestern im Bündnerland, das ländliche Brauchtum und kirchliche Traditionen hatten Pya Hug geprägt, und sie leben in ihren Werken weiter. Immer wieder berichtete sie von den eindrucksvollen Prozessionen und den geschmückten Heiligenfiguren. In Domat/Ems findet alljährlich die grösste Fronleichnamsfeier Graubündens statt und lockt Publikum an.

Mit Zapfenstreich, Nachtwächter und einer opulenten Prozession durch die Strassen haben die Ereignisse Pya Hug schon als Kind in Bann gezogen. Dabei wurden bemalte Wachsrodel, zu einer geschlossenen "Hufeisen"-Form geflochtene Kerzen, angezündet und mitgetragen.


Zahlreiche christliche Motive und Themen finden sich in den Arbeiten von Pya Hug wieder: Votivbilder, kleine Flügelaltäre, prachtvolle Mariendarstellungen und immer wieder szenisch gestaltete Weihnachtskästchen zur Geburt Christi. Daneben eigene Wachsrodel, bemalte Ostereier und so genannte "Fatschenkinder": Andachtsbilder des in Windeln gewickelten Jesuskindes, kostbar gekleidet und mit Blumen verziert, die Pya Hug durch die katholischen Schwestern kennenlernte.

Pya Hug liebte ausladende Szenen und damit vorzugsweise das Weihnachtsfest, das sie wohl am häufigsten darstellte. Hier konnte sie fabulieren und ihrer gestalterischen Fantasie freien Lauf lassen. Wundervolle Details sind zu entdecken, unzählige kleine Geschichten sind um die Geburt Christi arrangiert und steigern die Feierlichkeit dieses Geschehens.

Frei kombinierte Pya Hug allerlei verschiedene Materialien, die sie miteinander verklebte, vernähte oder mit Nadeln fixierte. Sogar Objekte wie Messingvasen und -kännchen baute sie ein, um einer orientalischen Weihnacht ihren exotischen Charakter zu verleihen. So lässt sie sich auch nicht auf eine künstlerische Technik festlegen. Das Werk von Pya Hug zeigt Gemälde, Objekte in allen Grössen, kleinste Dinge bis hin zu lebensgrossen Figuren, Bildteppiche, in die wiederum weitere Materialien eingewirkt sind. Und auch ein Puppentheater, mit dem die Kinder spielten. Doch ihr Hauptmaterial ist das Wachs: frei stehende Figuren aus Wachs, Wachsreliefs, Bilddetails aus Wachs, und sie "malte" mit Wachs. Pya Hug hatte eine Fertigkeit mit Wachs entwickelt, die ihr ein malerisches Arbeiten mit zarten Farbverläufen ermöglichte.

Simone Schaufelberger-Breguet: "Auf den ersten Blick scheinen Pya Hugs Wachsarbeiten den Kleinoden aus Frauenklöstern am nächsten verwandt. Ihre wächsernen Jesuskindlein in bänder- und litzenverzierten Kleinvitrinen, so liebevoll wie reich ausgeschmückt mit kostbaren Stoffen, Spitzen, Blumen und Perlen, ähneln jenen tatsächlich. Doch Pya Hug weitet die Sujets aus. Einmal liegt ein Ehepaar mit Kind im Schatzkästlein, einmal ist es ein üppiger Schmuckbaum, der von einem wächsernen Köpfchen gekrönt ist, andere Male wieder gesellt sich Figur um Figur zum Jesuskind, bis die Szene sich zu einer tischgrossen Krippe ausgeweitet hat. (...)

Pya Hug hat sich eine eigene Welt, ihr privates Theater geschaffen, in dem "Geschenkpapiere, Bänder, Litzen, Spitzen, Stickereien und vieles anderes mehr wetteifern mit der Malerei, und zuweilen fliesst gar Wachs mehrschichtig ins Bild, gerinnt zu Personen oder zur Landschaft mit einmaligen Stimmungen im bewegten Himmel."

Neben heiligen finden sich weltliche Themen: das ländliche Leben und Familienfeiern. Besonders höfische Szenen haben Pya Hug fasziniert. Auch hier herrschen Glanz und Pracht. Elegant gekleidete, edle Damen, dekorierte Soldaten, prachtvolle Schlösser erzählen von einem märchenhaften Leben der Vornehmheit und Schönheit.

"Die schönste Zeit des Jahres"

Pya Hug sagte: "In meinem Werk zeige ich viele Ansichten, mehrheitlich aus Graubünden und im Besonderen solche, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Es sind Bilder zu jeder Jahreszeit, vom Maiensäss im Sommer, wo wir als Kinder viel erleben konnten. Oder vom Herbst, der bunt belaubten Zeit der Jagd, die in unserer Familie einen wichtigen Platz einnahm. Ich durfte meinen Vater, der ein passionierter Jäger war, begleiten. Er zeigte mir, wo sich die Tiere, die Gämsen, die Rehe, die Hirsche aufhalten.

Für mich war es die schönste Zeit des Jahres. Nach der Jagd wurden die erlegten Tiere ausgebeinelt. Das war dann Frauensache. Das Fleisch kam in grosse Bottiche und wurde in der Beize haltbar gemacht. So hatten wir den ganzen Winter über 'Wild'. Aber auch Frühling und Winter regten mich zum Malen an, und nicht zuletzt das kirchliche Brauchtum, das mich nachhaltig geprägt hat. Diese Ansichten malte ich in Öl oder Acryl auf Leinwand oder auf Holz, wozu ich gerade Lust hatte."

Interaktion zwischen Leben und Tod

Wenn Pya Hug von ihrer Kindheit in Graubünden erzählte, fehlte nie die Geschichte, wie sie im Beinhaus mit den Totenschädeln gespielt haben. Was heute morbid klingt, wenn nicht gar gruselt, gehörte damals noch zum Lebensalltag. Den Beinhäusern, wie auch Domat/Ems eines besitzt, lag eine pragmatische Haltung zur Vergänglichkeit zugrunde. Wenn der Platz auf dem Friedhof zu knapp wurde, grub man die Knochen nach Jahren wieder aus und sammelte diese in den Beinhäusern.

Die Toten galten auch nicht als wirklich "tot", sondern man wusste von Geistern, von um Mitternacht tanzenden Skeletten oder sogar helfenden Toten zu berichten. "Magische Beinhaus-Rezepte halfen bei verschiedenen Problemen und Krankheiten. (...) Wenn man es richtig anstellte, konnten Totenköpfe auch die richtigen Lottotzahlen verraten und einen reich machen" (Anna-Katharina Höpflinger). Das Beinhaus bot Raum für die Interaktion zwischen den Lebenden und den Toten. Es war Ort des Gebetes für die Verstorbenen, eine Erinnerungsstätte. Man konnte die Verstorbenen dort stets besuchen und mit ihnen sprechen. Auch die Kinder wurden zu solchen Familienausflügen mitgenommen und Pya Hug erzählt, wie sie unter den namentlich beschrifteten Totenschädeln nach Verwandten suchten.

Zum festen Repertoire ihrer katholischen Bildprägung gehören Darstellungen der Passion Christi, des Leiden Christi und Christi Beweinung. Herausgelöst hat sich daraus das Andachtsbild der Pietà, der Leichnam Christi im Schosse Marias, der Mutter Gottes. Wie die Darstellung Christi mit der Dornenkrone als Ecce Homo sind dies Topoi, die mit der Auferstehung und dem Erlösungsgedanken einhergehen. In dieser Verbindung von Leben und Tod stellen sie bei Pya Hug eine wichtige Bildgruppe dar. Hier zeigt sich ganz besonders ihre tiefe kulturelle und religiöse Verankerung, wenngleich sie die Themen dann frei gestaltete.

Der künstlerische Nachlass

Bereits 2010 sah es das Museum im Lagerhaus als an der Zeit, das Wirken von Pya Hug als Lebenswerk vorzustellen. Damals veranstaltete das Museum im Lagerhaus eine dreiteilige Ausstellung zum Lebenswerk Pya Hug an verschiedenen Orten in der Stadt St.Gallen: im Rathaus, in der Geriatrischen Klinik und im Juweliergeschäft Frischknecht. Dieses Projekt "Outsider Art inside der Stadt" ging in den öffentlichen Raum, um breit auf das Werk aufmerksam zu machen, das sich sonst öffentlichen Blicken entzog.
 Der auf Outsider Art spezialisierte Fotograf Mario Del Curto, Lausanne, erkannte schon früh das ungewöhnliche Werk und hat es 2005 mit einem Film und Fotografien dokumentierte. Film- und Fotoporträt sind in die Ausstellung eingebettet.

Am 28. Mai 2017 ist Pya Hug kurz vor ihrem 95. Geburtstag in St.Gallen verstorben. Das Œuvre zu erhalten war ein Wunsch des Museum im Lagerhaus, und Pya Hug hat ihren künstlerischen Nachlass dem Museum vermacht. Die Ausstellung würdigt die Künstlerin mit einer erlesenen Präsentation des Nachlasses, der inzwischen in die Museumssammlung aufgenommen ist. Zusätzlich ermöglicht sie LiebhaberInnen ihrer Arbeiten einen Werkankauf. Dessen Erlös kommt dem Museum zur Aufarbeitung und Sicherung des Œuvre zugute. Denn die Übernahme eines künstlerischen Nachlasses bedeutet auch eine besondere Verantwortung für ein Museum, die personelle wie finanzielle Ressourcen beansprucht.

Dieser Herausforderung des "richtigen" Umgangs mit Künstlernachlässen widmet sich das Museum im Lagerhaus in einer speziellen Veranstaltung zur Ausstellung: 
Unter dem Titel "Kunst für alle Ewigkeit?" diskutieren die Künstlerin Vera Marke, Erik Hug, Sohn von Pya Hug, und der ausgewiesene Experte Matthias Oberli, Projektleiter der Schweizerischen Beratungsstelle für Künstlernachlässe SIK-ISEA, am Sonntag, 27. Januar 2019, um 15 Uhr. Bei Kunst, Kaffee und Kuchen sprechen sie über die unterschiedlichen Bedürfnisse am Erhalt von Kunst. Was wünschen KünstlerInnen, deren Familien, was ein Museum - und was schliesslich verlangt die Öffentlichkeit?

mlsg

Kontakt:

http://www.museumimlagerhaus.ch/ausstellungen/geplant/  

#MuseumImLagerhausStGallen #StiftungFürSchweizerischeNaiveKunstUndArtBrut #PyaHug #CHcultura @CHcultura 

 

 

 

 

Zurück zur Übersicht