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"ZÜRICH 1980"

"ZÜRICH 1980"

17.09.2020 Ausstellungen im ZAZ Zentrum Architektur Zürich, bis am 17. Januar 2021: "Bewegter Alltag: Fotografien von Gertrud Vogler" & "Poetische Provokationen: Die Sprache der Bewegung"


Bild oben: Foto © Gertrud Vogler, Demonstration vor dem Zürcher Rathaus, 18. Juni 1980 (Schweizerisches Sozialarchiv) (Bild zur Vergrösserung anklicken)

Das ZAZ Zentrum Architektur Zürich, Höschgasse 3, 8008 Zürich, präsentiert die Schau "Zürich 1980". Diese vereint zwei einander ergänzende Ausstellungen: Im Erdgeschoss ist unter dem Titel "Bewegter Alltag" die erste grössere Einzelausstellung zur Fotografin Getrud Vogler zu sehen. Derweil befindet sich im Obergeschoss die multimediale Schau "Poetische Provokationen", die anhand von Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigt, wie sich die 1980er-Bewegung Ausdruck verschaffte.

"Bewegter Alltag: Fotografien von Gertrud Vogler"

Gertrud Vogler (1936-2018) war eine der wichtigsten zeitgenössischen Fotografinnen Zürichs und wurde insbesondere bekannt durch ihre Aufnahmen von sozialen Bewegungen der 1980er- und 1990er-Jahre. Im Jahr 2012 übergab sie ihr gesamtes, rund 200'000 Negative umfassendes Fotoarchiv dem Schweizerischen Sozialarchiv. Ein erster Teil dieses faszinierenden Werks wurde vom Sozialarchiv aufgearbeitet und ist online verfügbar. 

Gertrud Vogler begann Mitte der 1970er-Jahre mit Fotografieren. Ihr Augenmerk galt von Anfang an Menschen in alltäglichen Situationen und insbesondere in sozialen Bewegungen. Als Auftragsfotografin arbeitete sie zuerst für verschiedene Publikationen, von der "Annabelle" bis zum "Vorwärts". Kurz nach der Gründung der "Wochenzeitung WOZ" im Jahre 1981 übernahm sie dort die Bildredaktion und blieb dabei bis zu ihrer Pensionierung 2003. In diesen Jahren sind - teils im Auftrag der "WOZ", teils aus ureigenem Interesse - eine Viertelmillion Fotos entstanden. 

Grössere Bekanntheit erlangten ihre Aufnahmen des Platzspitzes und des neuen Pariser Geschäftszentrums "La Défense", die in zwei Buchpublikationen zugänglich sind. Gertrud Vogler war in der Zürcher 1980er-Bewegung und in vielen anderen Bewegungen in der Schweiz präsent und hat in besetzten Gebäuden fotografiert, wie beispielsweise der Wohlgroth-Fabrik in Zürich. Mit gleichem Engagement hat sie aber auch die alltäglichen Veränderungen des öffentlichen Raums durch Werbetafeln, Baustellen oder Neubauprojekte dokumentiert.

Gertrud Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, wo den einen der Zutritt verwehrt war oder andere sich gar nicht hin getrauten. Sie genoss das Vertrauen der Szenen, die sie fotografierte und die ihr am Herzen lagen. Als Resultat von 25 Jahren aufmerksamem, kritischem und empathischem Schauen durch die Linse entstand ein unschätzbarer Fundus für die Sozialgeschichte der Schweiz. In Voglers Bildern wird der soziale Wandel greifbar. Aus diesem breiten Fundus trafen die Kuratoren eine Auswahl an Fotografien. 

Der erste, grössere Raum der Ausstellung zeigt ein Stimmungsbild der 1980er-Bewegung in Zürich. Dabei geht es nicht primär um die spektakulären Szenen, nicht um den Ausnahmezustand mit Tränengas und Strassenschlachten, sondern um das, was abseits der medialen Aufmerksamkeit geschah: Die Momente der Ruhe vor und nach dem Sturm, die Situationen, in denen die Lebensfreude spürbar ist, der Spass, die Fantasie und Poesie sichtbar werden - alles Aspekte, die diese Bewegung auch ausgezeichnet haben. 

Der zweite Raum im Erdgeschoss widmet sich verschiedenen Ereignissen zwischen 1977 und 1993 und bettet die 1980er-Bewegung in eine Bewegungsgeschichte ein, die sich seit den 1960er-Jahren in immer neuen Formen entfaltete und sich in den späteren Jahrzehnten weiterentwickelt hat.

Gertrud Voglers Archiv erlaubt es, die Ereignisse der 1980er-Bewegung mitsamt ihrer Vor- und Nachgeschichte abzubilden. 26 ausgewählte Ereignisse zeigen beispielhaft die verschiedenen Aspekte der politischen, kulturellen und sozialen Auseinandersetzungen in Zürich. Sie decken eine Zeitspanne in der jüngeren Stadtentwicklung ab, deren Spuren und Folgen bis heute sichtbar sind. 

Diese erste grössere Einzelausstellung soll die Fotografin Gertrud Vogler mit ihrem unverwechselbaren Stil in den Vordergrund rücken und ihr selbstgewähltes Projekt der Alltagsforschung präsentieren. Damit möchte das ZAZ auch einen kleinen Einblick in die grosse Fotosammlung von Gertrud Vogler bieten, die im Sozialarchiv aufgearbeitet wurde und jetzt verfügbar ist.

gertrud vogler

Bild: © Gertrud Vogler, Mauerschrift am Helvetiaplatz, 31. August 1980 (Schweizerisches Sozialarchiv)

"Poetische Provokationen: Die Sprache der Bewegung"

Zur multimedialen Schau im Obergeschoss führen 250 Fotografien. Sie stehen für ein wiederkehrendes Merkmal in Gertrud Voglers Werk: Regelmässig hat sie Flugblätter, Transparente und Wandsprays der 1980er-Bewegung dokumentiert - und damit deren Kommunikation im öffentlichen Raum. Die Aufnahmen bilden so ein Verbindungsglied zu den "Poetischen Provokationen".

Nebst diesen Fotografien zeugen zahlreiche Druckerzeugnisse und audiovisuelle Quellen von der Sprache der Bewegung. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit und (Selbst-)Ironie.

Die Ausstellung führt sodann in einen Video- und einen Audio-Raum sowie in zwei Räume, die sich auf gedruckte Materialien konzentrieren. Diese Druckerzeugnisse gliedern sich in vier Begriffspaare, die miteinander in Verbindung stehen: Dada & Punk umfasst Positionen, welche die Bewegten stark inspiriert haben. (Selbst-)Ironie & Protest beschreibt zwei Grundhaltungen, die sich in den Texten Bahn brechen. Aneignung & Abgrenzung verhandelt ein häufiges Stilmittel: Bewegte imitieren Sprache und Ästhetik ihrer Gegner, um sie zu persiflieren und sich so von ihnen zu distanzieren. Sicht nach innen & Blick nach aussen schliesslich bringt zwei Perspektiven zusammen, die sich gegenseitig bedingen: Schaut die Bewegung auf sich, hat sie auch gegenteilige Standpunkte im Auge - und umgekehrt. Dabei scheut sie mitunter weder Klischees noch Stereotype. Oder war es vielleicht doch eher so, wie es damals hiess? "In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders!"

Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit des ZAZ mit dem Schweizerischen Sozialarchiv Zürich und den Verantwortlichen des Projekts "ZürcherMittelmeerfraktion - Verein für unerhörte Stadtgeschichten".

KuratorInnen

"Bewegter Alltag": Christian Schmid, Stadtforscher (ETH Zürich, ZAZ), Stefan Länzlinger, Archivar (Schweizerisches Sozialarchiv Zürich) und Silvan Lerch, Kulturjournalist (Fernsehen SRF)

"Poetische Provokationen": Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess, freischaffende Autorin. Zusammen bilden sie die "Zürcher Mittelmeerfraktion": einen Verein für unerhörte Stadtgeschichten.

cp

Kontakt:

https://www.zaz-bellerive.ch/programm/

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Auf www.ch-cultura.ch erschienen:

http://www.buero-dlb.ch/de/archiv/journalismus/zum-tod-der-fotografin-bildredaktorin-und-goldschmiedin-gertrud-vogler

 

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