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"ZuHören IM STEILHANG: KÖRPER, DING UND KLANG IN DER SCHWEIZ UND IM HIMALAYA"

"ZuHören IM STEILHANG: KÖRPER, DING UND KLANG IN DER SCHWEIZ UND IM HIMALAYA"

08.04.2019 Ausstellung im Völkerkunde Museum der Universität Zürich, bis am 19. Januar 2020


Bild oben: Naga-Frau beim Rechen eines frisch geschwendeten Feldes (Longvi, Hkamti Distrikt, Myanmar) - Foto: Rebekka Sutter, 2017 (Ausschnitt)

ZuHören im Steilhang

Bild: Blick in die Ausstellung - Foto: Thomas Kaiser, 2019

Schweiz:

schroff. abheldig. stotzig. gääch. Steile Landschaften

Bewirtschaftete Steilhänge finden sich auf der ganzen Welt als ein Landschaftstyp der Extreme. Das Leben und Arbeiten im abschüssigen Gelände erfordert Achtsamkeit, Ausdauer, Demut und Erfahrung. Ausdruck finden diese Eigenschaften in den hier gezeigten Gerätschaften und Klängen. Sie stammen aus zwei unterschiedlichen Formen der Landwirtschaft in steilem Gebiet: aus der schweizerischen Wildheu-Wirtschaft und aus dem Brandrodungsfeldbau im östlichen Himalaya.

Wiese. Heu. Lawinen. Vieh. Wildheuen im Alpenraum

"Wildheu" ist Heu von alpinen Wiesen, die so steil und ausgesetzt sind, dass sie vom Vieh nicht beweidet werden können. Die Grasflächen liegen innerhalb des sogenannten Sömmerungsgebietes, das von Korporationen, Alp-Besitzern oder -Pächtern nur während der sommerlichen Alpzeit landwirtschaftlich genutzt wird. Die meisten Wildheuwiesen liegen über 1500 m über Meer und werden nur alle zwei oder drei Jahre gemäht.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die Gewinnung von Wildheu im gesamten Alpenbogen zentraler Bestandteil der Alpwirtschaft. Nur dank dieses zusätzlichen Vorrats an Dürrfutter konnten die Kleinbauern der Bergregionen ihr Vieh durch die langen Winter bringen.

Auch heutzutage wird Wildheu als Futterergänzung geschätzt, es ist jedoch längst keine lebensnotwendige Futterquelle mehr. Der Bund fördert das Wildheuen aus Gründen der herausragenden Bedeutung von Wildheuwiesen für die Biodiversität und als Bestandteil des immateriellen Kulturerbes des Landes. Das Wildheuen ist zudem ein wichtiger Erosions- und Lawinenschutz.

brandrodungsfeld

Bild: Feldhütten auf einem Brandrodungsfeld (Longvi, Hkamti Distrikt, Myanmar) - Foto: Rebekka Sutter, 2017 

Asien:

Die landwirtschaftlichen Systeme Südostasiens unterscheiden sich je nach Terrain erheblich: Im flachen Tiefland wird hauptsächlich Bewässerungsfeldbau betrieben; in den Hügel- und Bergregionen dominierte bis in die jüngere Vergangenheit der Brandrodungsfeldbau (auch: Schwendbau). Bei dieser Technik werden die Anbauflächen mittels Feuer "geschwendet": die Vegetation wird abgebrannt, doch ihre Wurzeln bleiben in der Erde. Das so gewonnene Ackerland wird anschliessend zwei bis drei Jahre lang bewirtschaftet. Danach verfügt der Boden nicht mehr über ausreichend Nährstoffe und wird als Brache ruhen gelassen. Der einstige Bewuchs erholt sich. Währenddessen werden nach und nach alle Hänge des Dorfterritoriums auf diese Weise bewirtschaftet, bis der Kreislauf vollendet ist und von Neuem beginnt.

In der Vergangenheit mochte ein Brandrodungszyklus zwanzig oder mehr Jahre betragen - genügend Zeit für die Regeneration eines subtropischen Waldes. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung und zunehmender finanzieller Bedürfnisse verkürzt sich der Zyklus heute vielerorts auf wenige Jahre. Kahlschlag, Erosion und restriktive behördliche Vorschriften bzw. nationale Verbote dieser Anbautechnik sind die Folge.

hinter heubrig

Bild: Hinter Heubrig mit den sieben Wildheuer-Hütten, im Vordergrund Wildheuer Alois Langenegger (Hinter Heubrig, SZ) - Foto: Sabine Weiss, 2018

Die Ausstellung:

Der Mensch ist Körper, als Körper berührt er die Welt.

Aus dieser einfachen Feststellung lassen sich einige ebenso einfache Erkenntnisse ableiten, die den Kern dieser Ausstellung ausmachen:

Der Steilhang fordert den Menschen weit stärker als die Ebene: schon das Aufrechtstehen an einem abschüssigen Grashang setzt ausdauernde Kraft in den Beinen und einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn voraus. Die Gefahren des Geländes und der tageszeitlich, jahreszeitlich und witterungsbedingte Zeitdruck zwingen den Menschen zur Entwicklung bedachter und effizienter Bewegungsabläufe. Kraft, Trittsicherheit und Vertrauen in die eigene Intuition sind unabdingbar.

Die genaue Kenntnis seiner Umwelt, sein Wissen und seine Erfahrung übersetzt der Mensch zunächst mit eigenen Händen in "materielle Kultur". Nur im Ausnahmefall geschieht diese Übersetzung durch Eingebung als Geniestreich; gewöhnlich entwickelt sie sich schrittweise in sozialen und ökologischen Zusammenhängen, in der Kommunikation, in der kulturellen Bildung. Die Übersetzung ist nicht nur erdacht; sie wird gemacht unter Einbezug aller Sinne. Beispielhaft wendet sich diese Ausstellung deshalb ebenso an das Gehör wie ans Auge.

Das Werkzeug als ein Produkt der Übersetzung von Erfahrung und Wissen in greifbare Form muss vielen Anforderungen genügen: seinem Arbeitszweck, dem zu bearbeitenden Material und ebenso den Besonderheiten des Werkplatzes. Genügen muss es auch den Vorlieben und Eigenarten seiner Erzeuger: ihrer Kreativität, ihrem ästhetischen Empfinden, ihrer kulturellen Zugehörigkeit, ihren Ausdrucksformen von Identität und der Macht ihrer Gewohnheiten.

Insofern ist jedes Werkzeug Destillat des umfassenden Erfahrungswissens seiner Erzeuger. So hat beispielsweise eine Wildheuer-Sense für das Mähen einer steilen Magerwiese ein kürzeres und schmaleres Blatt als eine Sense, die für das Mähen von fettem Gras im Flachland gebraucht wird. Aber was hat es mit der charakteristischen Daumenkerbe am hölzernen Griff (Worb) einer Schwyzer Sense auf sich? Steigert dieses "Duumechrinneli" am Sensenworb tatsächlich die technische Effizienz des Instruments? Die Sense selbst verrät es nicht; als Ding ist sie stumm. Wer jedoch darüber sprechen kann, sind die Worbmacher und Mäher und Sennen - aus eigener Erfahrung am Steilhang, mit ihren eigenen Worten und Gesten.

Ein technisch ausgereiftes Werkzeug garantiert noch keine Effizienz im Gebrauch. Einem Anfänger oder einer Anfängerin gelingt auch mit einer richtig eingestellten und frisch gedengelten Sense kein sauberer Mähschwung. Der erfahrene Wildheuer hingegen mäht ausdauernd und mühelos und lässt hinter sich eine regelmässige Mahd; im Rhythmus seines Arbeitens verbindet sich sein Körper mit dem Werkzeug und der Landschaft. Um sich solches Können anzueignen, muss der Anfänger Teil der im Werkzeug verdinglichten Erfahrung werden, Teil seiner Geschichte. Erst dann - so der Worbmacher Hansjörg von Känel - führt nicht mehr der Mäher die Sense, sondern die Sense den Mäher. Oder um es mit den Worten des französischen Agronomen und Historikers François Sigaut zu sagen: "L'outil fit l'homme." Es ist das Werkzeug, welches den Menschen (aus-)macht.

cp

Kontakt:

https://www.musethno.uzh.ch/de/museum.html

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Winter Heuzug

Bild: Wildheuer Alois Langenegger beim Winter-Heuzug (Muotathal, SZ) - Foto: Sabine Weiss, 2019

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