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Alfred Baschi Bangerter ist gestorben

Alfred Baschi Bangerter ist gestorben

20.10.2010 Für unzählige MusikfreundInnen war der Berner Geiger die perfekte einheimische Verkörperung "der Zigeunermusik".


Bild: Alfred Baschi Bangerter an der Fekker-Chilbi 2009 in Brienz, Foto: Anne-Marie Günter

"Ein malender Musiker - ein musizierender Maler" - Baschi war das, was man heute gerne Multitalent nennt, und bei der Aufzählung seiner Begabungen dürfen ganz und gar nicht fehlen: das herrliche Erzählen und Erfinden und der schelmisch augenzwinkernde Umgang mit Geheimnissen. Ein Geheimnis, das Baschi mir verraten hat, wird mir lebenslang die Erinnerung an ihn in verschiedensten Sinnesformen wach erhalten: das Rezept für den allergesündesten Glühwein aller Zeiten. Viele Geheimnisse um Baschis Person aber bleiben mir bis jetzt und nun wohl für immer erhalten, und irgendwie passt das sehr gut zum Maler-Musikanten aus der Matte. 

In den späten 1970er Jahren war es, als ich Baschi näher kennen und dann immer mehr schätzen lernte. Von ihm erfahren hatte ich ja schon im zarten Jugendalter, weil mein Grossvater Emil der Ältere in Burgdorf als Sagen-, Volksmusik- und Instrumentensammler u.a. mit Alfred Bangerter und dem damaligen Burdlefer Stadtbibliothekar Sergius Golowin regen Kontakt pflegte.

Vom Hörensagen und ebenfalls vom Lesen her war mir bewusst und doch irgendwie geheimnisvoll geblieben, wie spannend die 1950er und 1960er Jahre in der Berner Kulturlandschaft gewesen sein müssen. So z.B. geschildert in "Aus nächster Ferne: zur Entstehung und Entwicklung der Bildform bei Franz Gertsch":

"Das Wort Zigeuner steht in der »Junkere 37«" spätestens seit 1964 (...) "als Metapher für die eigene Sehnsucht", andere Möglichkeiten des gesellschaftlichen Lebens und Erlebens zu realisieren (157). So kommt es "Mitte der 60er Jahre (...) zunehmend zu einer Vermischung eines Zigeunerbildes mit den eigenen Wunschvorstellungen: "In dem Mass, in dem man sich mit" den Sinti und Roma "zu solidarisieren beginnt, wird das Zigeunerleben zur eigenen Lebensutopie." (158). Als "gegenkultureller Mythos" abseits der modernen Zivilisation hat die archaische Kultur der Fahrenden auf Künstler des 20. Jahrhunderts, wie den deutschen Expressionisten Otto Mueller, schon frühzeitig eine grosse Anziehungskraft ausgeübt. (159).

Als Franz Gertsch und Sergius Golowin im erwähnten Jahr mit "René E. Mueller, dem Geiger und Bauern-Maler Baschi [Alfred Bangerter], dem Zigeuner-Maler Hosche" und einigen anderen jungen Europäern zur Begehung der jährlichen Feierlichkeiten in der Camargue eintreffen, (160) ist es die inspirierende Synthese von Kunst und echtem, authentischen Leben, die die Berner Jugendfreunde mit Begeisterung erfüllt: "Was wir durch Jahrzehnte zu entdecken gesucht hatten, war auf einmal, in Saintes-Maries wie an allen Kreuzwegen der Welt, zu einer überraschenden Tatsache geworden. Wir alle hatten vom Abenteuer eines neuen Lebens, einer neuen Kunst, einer neuen Liebe zu allen Dingen geträumt, und versucht vergangenheits- und zukunftsverbindende Gesetzmässigkeiten zu finden. Diese Versuche, diese nächtelangen Diskussionen über Religionen und Weltbilder waren aber, wie wir erkannten, Umwege gewesen. Wenn auch sicher für uns notwendige Umwege. Wir alle waren nun ganz einfach selber ein Bestandteil jenes echten Lebens, jener Wirklichkeit, jener Kunst, die wir gesucht hatten. Es gab für uns keine andere Wahrheit mehr, als die dauernde schöpferische Verwirklichung von uns selbst." (161).

(157 /158 /159): Fredi Lerch 2001

(160/161): Sergius Golowin: Die Kunst ist immer ein Ergebnis, in: Ausst. Kat. Luzern 1972, o. S.

Hervorheb. durch den Verf., L.R.H.

Quelle:

Haneborger, Lübbert R.

„Aus nächster Ferne: zur Entstehung und Entwicklung der Bildform bei Franz Gertsch"

http://oops.uni-oldenburg.de/volltexte/2005/153/pdf/kap03.pdf

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Fürs "Berner Tagblatt" schrieb ich nun also Ende der 1970er Jahre ein ganzseitiges Portrait über Alfred Baschi Bangerter, das seinen Gefallen fand und so eine schöne Bekanntschaft auslöste. Man begegnete sich fast all täglich in der unteren Berner Altstadt und immer wieder bei besonderen Anlässen, z.B. vor, bei und vor allem nach den Hänsche Weiss-Konzerten in der Mahogany Hall; und da tat sich dem jungen Schreiberling und Musikfreund ein höchst spannendes erstmals zu erfahrendes Universum von Völkern (z.B. Sinti), Sprachen (z.B. Jenisch), Bräuchen, Magie, Mythen und Künsten auf, bevölkert von ebenso spannenden Menschen wie eben Baschi und Golowin, dann Mariella Mehr und Walter Wegmüller, um nur einige zu nennen.

In die Achtung vor dieser Kultur mischte sich die Scham über das von uns Sesshaften angerichtete Übel und es erwuchs daraus der Versuch, unterstützend zu wirken, wo dies möglich und erwünscht war.

Baschi war allein oder mit seiner Gruppe Baschis Scharotl in dieser Zeit bei praktisch allen Anlässen dabei, bei denen es um neue alte Lebenskultur, Wiederentdeckung von Sagen, Bräuchen und Volksmusik, um bedrohte Völker, um freie kulturelle Strassenaktivitäten, Beizenmusik, Übungsräume für improvisierende Musiker usw. und eben: um die neu belebte Fastnacht ging. Rudolf J. Ramseyer schreibt in "Die Fastnacht in Stadt und Kanton Bern - Geschichte und Brauchtum eines uralten Volksfestes":

"

D'Obrigkeit seit, d'Fasnacht gäbs nümm,

mir Bärner sige z'troche zum Feschte,

hie sigs seriös, aschtändig u brav,

wär wott löle geit nach Basu am beschte.

(...) Ein Jahr später luden Stadtrat Pierre Hänni und die 'Härdlütli' auf Mittwoch, den 28. Februar 1979, zu einem gut vorbereiteten, reichhaltigen Maskenball ins Berner Casino ein, der bis drei Uhr dauerte. Es spielten Polo Hofers 'Schmätterding', 'Baschis Scharotl' und die 'Husmusig Jeremias'. Schnitzelbänke fehlten nicht. Ziel der Veranstalter war es, die Fastnacht aus der Privatsphäre zurückzuholen.

"

In diesem kultiviert aufmüpfigen Klima, dem Bern wohl sehr viel von der heutigen Toleranz, Aufgeschlossenheit und Lebendigkeit verdankt, spielte Baschis Geige einen wichtigen Part. Es ist dies auch aus der nachfolgenden Liste einiger der MusikerInnen zu sehen und im geistigen Ohr zu hören, die mit Baschi zusammen gespielt haben:

Christian Schwander, Asita Hamidi, David Gattiker, Aschi Feller, Annemarie Kurz, Fritz Widmer, Bänz Hadorn, Otto Spirig, Franz Hohler, Christoph und Karl Rechsteiner, Remo Crivelli, Philipp Siegel und Cornelia Arn.

Sehr schön schildert Karl Johannes Rechsteiner Baschis anregende Lebens- und Musizierweise im folgenden Text:

"Der Berner Geiger Baschi Bangerter spielte schon an unzähligen Hochzeitsfeiern. Mit seinen Scharotl ist er unterwegs mit der swingenden Musik fahrender Menschen.

Von ihm habe ich gelernt, dass es für ein gutes Fest die vier Grundelemente Erde, Luft, Feuer und Wasser braucht.

Die Erde meint den festen Boden unter den Füssen, aber möglichst keinen Teppich, damit es beim Tanzen so richtig dreht. Stark verrauchte Luft drückt ebenso aufs Gemüt wie ein Durchzug, der jede Feststimmung wegbläst. Das Licht des Feuers, z.B. von Kerzen, schafft eine warme Stimmung - kein Vergleich mit hell erleuchteten Sälen, in denen kein Mensch zu tanzen beginnt. Und das Wasser kann auch durch den besten Wein nicht ersetzt werden, wer schwitzt trinkt‘s fast harassenweise.

Erde, Luft, Feuer, Wasser und viel Raum für die Begegnung. Und sei es nur beim Anstehen fürs Buffet. Und kein wie üblich überfülltes Programm. Oder mitten im Spektakel unvergessliche Erlebnisse und Gefühle.

Solche Hochzeitsfeste entstehen nicht nur in Waldhütten, sondern dort, wo es schlicht Raum hat fürs Zusammensein. Zum Beispiel an einem Fest als bewusster (Neu)Anfang eines Weges zweier Menschen. Es gibt eine Hochzeit jenseits der inszenierten Bilder."

Quelle: http://www.stubemusig.ch/index.php?id=84

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Wohl für eine ganze Generation von MusikerInnen und KonzertgängerInnen verkörperte Baschi den Umstand, dass "das Zigeunerische" auch bei uns hier vorhanden ist, lebt und belebt.

Unzählige Stücke hat Alfred Bangerter selber geschrieben. Eine zufällige Auswahl von Titeln mag im Folgenden einen Teil des tönenden Reichtums von der Romanze über die Sehsucht bis zu Rausch und Drama anklingen lassen:

Szep a Rozsam

Der fliegende Teppichhändler

Kosaken-Patrouille

Pabol, Pabol

Me hum matto

Der einsame Sonntag

Ostjüdische Volksweise

Wenn ich berauscht bin

Die Abendglocken

Eto byli wremena

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Von Baschis Scharotl gibt es einige - leider vergriffene - Tonträger, die aber via Schweizer Landesphonothek Lugano zugänglich sind:

http://www.fonoteca.ch/cgi-bin/oecgi2.exe/inet_fnbasedetail?REC_ID=65846.011&LNG_ID=GER

http://www.fonoteca.ch/cgi-bin/oecgi2.exe/inet_fnbasedetail?REC_ID=35641.011&LNG_ID=GER

http://www.fonoteca.ch/cgi-bin/oecgi2.exe/inet_fnbasedetail?REC_ID=1013.011&LNG_ID=GER

http://www.fonoteca.ch/cgi-bin/oecgi2.exe/inet_fnbasedetail?REC_ID=87145.011&LNG_ID=GER

http://www.fonoteca.ch/cgi-bin/oecgi2.exe/inet_fnbasedetail?REC_ID=16576.011&LNG_ID=GER

http://www.fonoteca.ch/cgi-bin/oecgi2.exe/inet_fnbasedetail?REC_ID=8273.011&LNG_ID=GER

Merkwürdige Rarität:

Schweizer Starparade (Sampler): Baschi's Scarotl, Trio Eugster, Michel Villa, Jacob Stickelberger, Peter Sue & Marc, Benny Rehmann und seine lustigen Musikanten, Walter Lietha. (Sampler); EX LIBRIS; 12 390 (LP7100)

Zur Fekker-Chilbi:

Baschi's Scharotl: Fekker-Chilbi, Langspielplatte, PAN 132.058, Schweiz 1982. feat. Alfred Baschi Bangerter, Aschi Feller, Asita Hamidi, Annermarie Kurz. Die Gruppe Baschi's Scharotl trat an einer der ersten Feckerchilben der Neuzeit live auf.

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Daniel Leutenegger

Alfred Baschi Bangerter, Ende der 1970er Jahre.  Foto: Edouard Rieben

Baschi

Baschi Bangerter im Jahr 2001 in seiner Wohnung an der Münstergasse in Bern - Foto: http://www.härdlütli.ch/html/_hall_of_fame_.html

 

 

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